Der liebe Doktor und die Nadeln

Häufig stellt sich die Frage, warum es bei der einen oder anderen Blutentnahme, Impfung oder Infusion so schmerzhaft war und ein anderes mal nicht. Diesem Mysterium wollen wir auf den Grund gehen. Ursachen gibt es viele. Die Wahl der Kanüle spielt aber eine nicht unerhebliche Rolle. Und natürlich der Umstand, ob wir Blut abnehmen oder eine Substanz (Medikament oder Impfstoff) hinein spritzen.

Zunächst erst einmal die Dinge, die nicht unmittelbar mit der Nadel, also der Kanüle zusammen hängen. Da haben wir zum Beispiel  das Desinfektionsmittel. Ist der Arm noch naß vom Desinfektionsmittel, das heißt der Arzt wartet nicht ab bis der Arm wieder trocken ist, oder wischt er ihn nicht nach dem Desinfizieren nicht wieder trocken, dann brennt der Einstich natürlich erheblich. Die Kanüle durchsticht die Haut und nimmt dabei eine gewisse Portion Desinfektionsmittel mit in die Haut. Das ist nicht schlimm, brennt aber enorm. Selbstverständlich hängen die Schmerzen auch von den Mitteln ab, die appliziert werden. Es gibt Medikamente und Impfstoffe, die machen Beschwerden und andere nicht. Die jungen Mädchen, die ihre HPV-Impfung bekommen, können ein Lied davon singen. Man soll auch niemals die Luft, die nicht in der Spritze sein soll durch die Kanüle entweichen lassen. Dabei wird die Kanüle wieder naß und es brennt auch hier. Natürlich hängt es auch von der Erfahrung der Person ab, die mit der Nadel auf Sie oder Ihre Kinder losgeht. Aber unser eigentliches Thema sollen ja heute die Kanülen selbst sein.

Wir sprechen immer von Nadeln, meinen aber in Wirklichkeit Kanülen. Das heisst, die Nadel muss innen hohl sein, um Blut entnehmen zu können oder eine Medikament, wie zum Beispiel einen Impfstoff oder eine Infusion in den Körper des Menschen hinein zu bekommen. Für die verschiedensten Anwendungen gibt es unterschiedlich Typen von Kanülen, lange und kurze, dicke und dünne. Wichtig ist auch der Innendurchmesser, also das Lumen der Kanüle. Sie können sich vorstellen, dass durch feinste Kanülen kein zähflüssiges Blut mehr fliesst. Das kann beispielsweise ein grosses Problem bei neugeborenen Säuglingen sein. Man möchte den Säugling schonen und wählt eine sehr feine Kanüle zum Blutabnehmen. Aber der manchmal etwas trinkfaule ausgetrocknete Säugling hat zähflüssiges Blut, was einfach nicht durch die Kanüle fließen will. Apropos Babys. Häufig sind Eltern darüber verstört, wie lang die Kanülen sind, die wir zum Impfen benutzen. Bedenken sie aber die oft recht ausgeprägte Speckschicht Ihrer Babys. Da müssen wir hindurch, denn der Impfstoff muss in der Regel tief im Muskel appliziert werden.
Tatsache bleibt, daß Kanülen aller Art nur noch Wegwerfware bzw. Einmalmaterial sind. Man sollte aber nicht vergessen, dass es nun wirklich noch nicht so lange her ist, dass die Kanülen und damals aus Glas bestehenden Spritzen nach dem Gebrauch gereinigt , sterilisiert und wiederverwendet wurden.

Schliff (1).jpg

Aber das wichtigste Kriterium ist die Qualität der Kanüle und wie mit ihr umgegangen wird. Und bei Qualität sind wir schon bei der Frage des Schliffs. Eine Kanüle muss ausgezeichnet  geschliffen sein. Je feiner der Schliff, das heisst je "schärfer" die Nadel, desto  weniger Schmerzen spüren die Kinder. Und das ist selbstverständlich eine Frage des Preises. An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass sich die Ärzte ihre Kanülen selber kaufen müssen. Kanülen gehören auch nicht zum sogenannten Sprechstundenbedarf der von den Krankenkassen übernommen wird. Hier kann also der Arzt sparen oder richtig Geld ausgeben. Nun gibt es auch Medikamenten und Impfstoffe, da liegen Kanülen in der Verpackung mit drin. Aber glauben Sie mir, auch hier sparen die Hersteller. Möchten Sie noch eine Möglichkeit zu sparen kennenlernen ? Man nimmt die selbe Kanüle mit der man durch den Gummistopfen des Impfstoffgefässes gestochen hat dann auch zum Impfen selbst. Dass diese Kanüle nicht mehr scharf ist und meistens eine verbogene Spitze hat, erklärt sich logischerweise und der damit verbundene Schmerz auch.

Wie ist es also korrekt und wie machen wir das in unserer Praxis ?
1) Wir kaufen sehr gute, sehr scharfe und demzufolge sehr teuere Kanülen.
2) Wir stechen nie durch Desinfektionsmittel hindurch, sondern trocknen die Haut immer vorher.
3) Wir nehmen niemals für den Gummistopfen des Impfstoffs und die Haut die selbe Nadel.
4) Wir spritzen niemals den Impfstoff nocheinmal durch die zu verwendende Kanüle, um die Luft zu entfernen.
5) Kanülen, die den Verpackungen beiliegen, werfen wir weg oder benutzen sie für Dinge die nichts mit dem Patienten zu tun haben.
6) Wir legen in jede Injektion all unsere jahrelange Erfahrung und versuchen es immer wieder so kurz und schmerzlos wie möglich zu machen.

Ihr Doktor Berlin