Die Anamnese, und wie Sie dem Arzt dabei helfen können.

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Uns Ärzten wird in Regelmäßigkeit vorgeworfen, wir würden fachliches Kauderwelsch reden und die Patienten verstünden nur einen Bruchteil oder gar nichts von dem, was im Gespräch zwischen Arzt und Patient beraten wurde. Aber wie steht es mit dem, was der Arzt vom Patienten hört ? Was ist mit der Anamnese, direkt übersetzt mit der Erinnerung des Patienten an seine Krankengeschichte ? Ist die immer verständlich ? An dieser Stelle soll der Ball einmal zurück ins andere Feld gespielt werden. Ich will versuchen, Ihnen ein paar Tips zu geben, wie Sie es dem Arzt leichter machen können, die Probleme Ihres Kindes zu verstehen. Denn vergessen Sie bitte nie, eine gute Anamnese ist die halbe Diagnose. 

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Versetzen Sie sich einmal in die Lage des Arztes. In der heutigen Zeit muß er sich im Gespräch mit den Eltern des kranken Kindes oder bei größeren Kindern bzw. Jugendlichen mit ihnen selbst schnell ein Bild darüber machen, weswegen jemand in die Praxis gekommen ist. Selbstverständlich ist die Untersuchung des Patienten ein wichtiger Baustein bei der Diagnosefindung. Dazu benötigen wir Ärzte nach wie vor unsere Sinne. Wir müssen Sehen, Riechen, Hören, Tasten. Zugegeben „Schmecken“ müssen wir heute nicht mehr. Aber früher wurde der Urin des Patienten tatsächlich auf „diese Art“ untersucht, um beispielweise eine Zuckerkrankheit festzustellen. Denn der Urin eines Diabetikers schmeckt wirklich süß. Aber das nur nebenbei. Neben der Untersuchung mit den Sinnen und unter Zuhilfenahme technischer Geräte hat die Krankengeschichte des Patienten eine hohe Bedeutung. Deshalb fragt Sie jeder Arzt auch immer, warum sie gekommen sind, was Sie für Beschwerden haben und vieles mehr. Und hier können Sie dem Arzt so viel helfen, aber ihn leider auch durcheinanderbringen bzw. die Sache undurchsichtig oder komplizierter machen. In der Kinderheilkunde spielt das natürlich noch einmal eine besondere Rolle. Denn die Bezugspersonen der kleinen Patienten müssen ja versuchen, die Beschwerden des Kindes, welches sich häufig nicht richtig ausdrücken kann, an den Arzt weiter zu geben. Das ist eine doppelte Fehlerquelle. Dadurch kann der Arzt nicht nur die Eltern mißverstehen, die Eltern interpretieren möglicherweise schon die Symptome des Kindes falsch und können den Arzt dudrch in die Irre führen. Ich nenne an dieser Stelle exemplarisch nur einmal die vermeintlichen Bauchschmerzen des ganz jungen Babys, oder die Zahnungsbeschwerden des älteren Säuglings. Als Extremfall wurde mir neulich berichtet, das Kind hustet jetzt schon seit Ewigkeiten und das Antibiotikum, das wir verschrieben hätten, habe überhaupt nicht geholfen. Nach langer Diskussion kam ans Licht, der Husten bestand seit 2 Wochen und das Antibiotikum hatte der Hausarzt der Eltern verordnet, nicht wir. Und der Namen des Medikaments war selbstverständlich nicht mehr im Gedächtnis des Elternteils. Sie merken, wie schwierig es auch für den Arzt sein kann. 

Fangen wir mit den Zeitvorstellungen an. Womit der Arzt überhaupt nichts anfangen kann sind folgenden Angaben:
„schon immer“
„immer noch“
„immer zu“
„ich weiß nicht wie lange schon“

Gehen sie bitte vorbereitet in das Sprechzimmer. Gute Angaben sind:
„seit Jahren“
„seit Monaten“
„seit Wochen oder seit Tagen“

Merken sie sich bitte Medikamente, die sie an anderer Stelle bekommen haben (oder fotografieren Sie sie mit dem Smartphone). Was uns überhaupt nicht hilft sind Angaben wie:
„das war so ein Pulver zum Auflösen“
„die Flasche war blau mit roten Streifen“
„man konnte so Bakteriensticker reindrücken“

Vorsicht, wenn Sie mit mehreren Kinder in die Praxis kommen, sagen sie nicht:
"er hat ...", wenn Sie mit 3 Jungen im Sprechzimmer sind
am besten Sie sagen:
"Joachim, sie wissen ja Herr Doktor der Älteste ... "

Besprechen Sie bitte ein Kind nach dem anderen mit dem Arzt und reden Sie bitte nicht mal über das eine, mal über das andere und schon gar nicht über ein Kind, was zu Hause sitzt.
Sie können sich auch gern zu Kindern erkundigen, die nicht mit in der Praxis sind. Aber formulieren sie das bitte auch so:
"ich habe da am Ende noch eine Frage zu Maxi, die zu Hause und nicht mit hier in der Praxis ist"
Und sehen Sie es dem Doktor nach, wenn er die Vornamen (häufig Doppel-Vornamen) Ihrer möglicherweise 2 Jungen und 3 Mädchen nicht wie aus der Pistole geschossen parat hat.
 

Führen Sie den Arzt nicht auf eine falsche Fährte und stellen Sie bitte selbst keine falschen Zusammenhänge her. Es ist ein Unterschied, ob sie sagen, meinem Kind schmerzt der Fuß, oder mein Kind humpelt. Am Ende hat das Kind eine Erkrankung an der Hüfte und nicht am Fuß. Aber das muß nun erst herausgearbeitet werden. Oder der falsche Hinweis, das Kind „habe es am Magen“, es würde sich seit Wochen täglich erbrechen, wir müssen jetzt schnellstens zur Magenspiegelung. Dann fragt man das Kind, ob es den Bauchschmerzen habe und und es spricht eher von Kopfschmerzen, die auch in erheblichem Maße Ursache für Erbrechen sein können. Die weiteren Konsequenzen möchte ich hier gar nicht weiter erläutern.

Bereiten Sie sich im Vorfeld schon auf das Gespräch vor, um relativ genau die Dinge beschreiben zu können und gehen sie nicht mit einer festen vorgefertigten Meinung in das Sprechzimmer. Fragen Sie auch vorher das Kind noch einmal, falls es alt genug dazu ist. Der Arzt wird Ihnen dann noch die richtigen ergänzenden Fragen stellen. Und dann kann durch geschickte Gesprächsführung und qualifizierte Untersuchung des Patienten die richtige Diagnose gestellt werden.

Schauen Sie mal auf das folgende Bild. Was fehlt ? Hier sind viele sicher sehr qualifizierte Ärzte und Schwestern um das Kind herum versammelt. Aber weder Mutter noch Vater sind zu sehen, um exakt Auskunft über das Leiden des Kindes zu geben; geschweige denn dem Kind beizustehen, denn Ihr Kind braucht Sie.

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Ihr Doktor Berlin