Die sogenannte Zweitmeinung

Aus gegebenem Anlass soll an dieser Stelle ein Wort über die sogenannte „Zweitmeinung“ eines Arztes gesprochen werden. Ist es vernünftig, sich eine zweite Meinung einzuholen ? Und wenn ja, wie mache ich das im Interesse meines Kindes ohne das Vertrauen zu meinem Arzt zu zerstören ?

Selbst Krankenkassen fordern ihre Mitglieder immer wieder auf, sich eine Zweitmeinung einzuholen. Aber was bedeutet das und woher kommt dieser Anspruch auf eine Zweitmeinung.

Vor lebensverändernden Entscheidungen, vor schweren gravierenden Operationen ist es sinnvoll sich die Meinung eines zweiten Arztes einzuholen. Geht es doch darum die optimale Lösung für den Patienten zu finden. In Deutschland werden bei lebensbedrohenden Erkrankungen von Kindern, wie Leukämie oder anderer Krebserkrankungen, ganz häufig die Entscheidungen im Team getroffen. In Video- oder Telefonkonferenzen entscheiden die führenden Professoren der Universitätskliniken gemeinsam über die Behandlungsmethoden der entsprechenden kranken Kinder. Hier müssen die Eltern gar nicht von Arzt zu Arzt gehen, um das Optimum für das Kind zu erzielen. Die Ärzte entscheiden gemeinsam im Interesse des jeweiligen Kindes.

In diesen Fällen ist der Sinn einer Zweitmeinung ohne Zutun der Eltern erfüllt. Und das Ego eines einzelnen Arztes spielt dabei keine Rolle. Die Entscheidungen werden auf der Basis aktuellster wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen.

Anders verhält es sich bei Erkrankungen, die nicht so einschneidend sind und von deren Verlauf nicht die Zukunft des Kindes abhängt. Es ist nicht lebensentscheidend, welchen Hustensaft ein Kind bekommt, welches Inhalationsmittel genommen wird oder welche Creme auf der Haut verabreicht wird.

Wenn in solchen Zusammenhängen verschiedenen Ärzte befragt werden, bekommen die Eltern oft subjektiv geprägte Ansichten zu dieser oder jener Problematik mitgeteilt. Man läuft sogar Gefahr, in persönliche Animositäten der Ärzte untereinander verstrickt zu werden. Oft ist der Inhalt einer „Zweitmeinung“ nur deshalb in einer bestimmten Richtung geprägt, um einfach nur anderer Meinung zu sein als der Kollege, bei dem das Kind zuvor war. In fast allen Fällen stehen die Eltern dann vor der kaum zu lösenden Frage, wer denn nun recht hat. Man muss sich natürlich auch davor hüten, verschiedene Ärzte so lange zu fragen, bis man die für sich selbst passende Antwort hat.

Wenn sie mit einem Behandlungsvorschlag hadern, dann sprechen sie mit ihrem Arzt. Sagen sie ihm, dass sie gern eine weitere medizinische Meinung einholen wollen. Fragen sie ihn, was er davon hält und zu wem sie unter Umständen gehen sollen. So erhalten sie in der Regel kompetente Hilfe und zerstören nicht das Vertrauen zu ihrem Arzt.
Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist auch heute noch geprägt durch persönlichen Kontakt, Zutrauen und Vertrauen. Ärztliches Handeln sollte nicht auf den Regeln der freien Marktwirtschaft basieren. Wenn Patienten beginnen, ärztliche Ratschläge  gegeneinander aufzuwiegen wie die Leistungen von Smartphones verschiedenen Hersteller, ist das Ende des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient in nicht mehr so weiter Ferne.