Gutes Hören ...

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... kann man tatsächlich auch sehen. Die interessante Sache mit dem Trommelfell. Dieser Blog ist ein Versuch, etwas Klarheit in die dunkle Welt im Inneren des Ohrs zu bringen und zu erkunden, warum der Gang zum Kinderarzt oft mit der Frage verbunden ist, hat das Kind eine Ohrenentzündung oder nicht.

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Unbedingte Voraussetzung, um die Trommelfelle des Kindes richtig beobachten zu können, ist ein gutes Otoskop mit einer hellen Lichtquelle und entsprechenden Ohrtrichtern. Deshalb hat ein Kinderarzt diese Otoskop stets griffbereit. Aber was sieht er nun genau? Er kann beim Hineinleuchten in das Ohr den Gehörgang inspizieren und am Ende des Gehörgangs das Trommelfell beurteilen. Dabei muss er versuchen, am stets mehr oder weniger vorhandenen Ohrenschmalz (Cerumen) vorbeizuschauen. Ist der Gehörgang voll mit Ohrenschmalz, besteht keine Chance einer Beurteilung.

Der Gehörgang, also der Weg bis zum Trommelfell, ist schnell beurteilt. Hier kann man Gehörgangsentzündungen sehen wie sie im Sommer durch Schwimmwasser immer wieder entstehen. Bei dem Verdacht auf eine Gehörgangsentzündung (Otitis externa) wackelt man kurz am Ohr. Schmerzt es, liegt die Vermutung nahe und wir können mit Ohrentropfen helfen. Bei der gefürchteten Mittelohrentzündung schmerzt nicht das Wackeln am Aussenohr sondern das Drücken auf den Gehörgang wie beim Ohrenzuhalten.

Nun zum Trommelfell: Wie der Name schon sagt, spannt sich das Trommelfell wie ein Pergament in den Gehörgang und schließt diesen zum Mittelohr ab. Stellen Sie sich einen tunnelförmigen Eingang (Gehörgang) zu einer Höhle (Mittelohr) vor. Bevor Sie von dem Gang in die Höhle kommen, versperrt Ihnen eine transparente Folie (das Trommelfell) den Weg. In dieser großen lufthaltigen Höhle gibt es ein Hebelsystem aus drei winzigen Knochen (Hammer, Amboss, Steigbügel), die eine Verbindung quer durch die Höhle (Mittelohr) vom Trommelfell zum anderen Ende der Höhle, zu einem weiteren Eingang, dem Eingang zum Innenohr schaffen. Diese drei Knochen übertragen als Hebelsystem die Schwingungen des Trommelfells auf das Innenohr. Das ganze funktioniert ähnlich wie ein Mikrofon. Um eine Vorstellung von der Winzigkeit diese drei kleinen Knochen zu bekommen, sehen Sie im Bild drei präparierte echte Gehörknochen im Vergleich mit einem 1 Cent Stück.

Nun stellt man sich vor, diese Höhle ist voller Schnupfensekret. Die feinen Schwingungen des Trommelfells sollen Mithilfe der drei Gehörknochen auf das Innenohr übertragen werden. Und die Gehörknochen schwimmen in zähem Schnupfensekret. Dann ist es mit gutem Hören vorbei. Ihr Kind hört als wenn es im Schwimmbecken taucht und Sie dem Kind von außen etwas zurufen. Noch dramatischer wird es, wenn das Mittelohr voller Eiter ist. Dann handelt es sich um eine eitrige Mittelohrentzündung. Das Kind hört schlecht, hat Fieber und starke Schmerzen, weil die Bakterien im Mittelohr sich vermehren und immer mehr Eiter bilden. Dieser Eiter hat keinen Platz mehr und drückt von innen gegen die Wände der (Pauken)Höhle und des Trommelfells. Das tut unglaublich weh. Hält das ganze dem Druck nicht mehr stand, dann platzt das Trommelfell und der Eiter läuft aus dem Ohr. In diesem Moment lässt zwar der Schmerz schlagartig nach, aber die Entzündung bleibt.

Der Kinderarzt muss die Gesamtsituation beurteilen. Hat das Kind Fieber, hat es starke Schmerzen und wie sieht das Trommelfell aus. Bei ausreichender Erfahrung kann der Arzt durch das Aussehen des Trommelfells den Grad der Erkrankung beurteilen. Ein gesundes Trommelfell sieht wie Pergamentpapier aus und reflektiert den Lichtschein des Otoskops. Wenn sie folgenden Satz vom Arzt zur Arzthelferin hören: grau, spiegelnd, intakt, dann meint der Arzt ein gesundes Trommelfell. Grau wie Pergament, das Licht des Otoskops wird reflektiert und es ist kein Loch im Trommelfell.

Alle Verfärbungen von rosa bis kräftig rot oder gar Vorwölbungen des Trommelfells weisen auf eine Entzündung hin oder zeigen, dass die Paukenhöhle also das Mittelohr voller Sekret ist. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte sprechen dabei oft von Wasser hinter dem Trommelfell. Aber eigentlich sollte dort ja Luft sein. Diese Luft kommt normalerweise durch einen kleinen Gang von der Nase zum Mittelohr. Stellen Sie sich das wie einen kleinen Lüftungsschacht vor. Über diesen kleinen Lüftungsschacht muss permanent Luft in das Mittelohr gelangen. Das passiert bei jedem Kauen und bei jeden Schlucken. Und natürlich muss die Nase dazu frei sein. Was nützt Ihnen der beste Lüftungsschacht, wenn Sie den Eingang zum Schacht verstopfen. Deshalb legen wir immer so großen Wert auf Nasentropfen bei Ohrenerkrankungen. Weiterhin muß der Arzt jetzt entscheiden, ob ein Antibiotikum nötig ist.

Ist das System nachhaltig gestört, kommt der HNO-Arzt mit den oft zitierten Paukenröhrchen ins Spiel. Wenn die Luft nicht mehr über den Lüftungsschacht ins Mittelohr gelangen kann, dann muss die Luft über das Trommelfell dorthin gebracht werden. Ein kleines Lüftungsloch im Trommelfell reicht aber nicht aus. Es würde sich sofort wieder schließen und verwachsen. Deshalb muss man dieses kleine Lüftungsloch offen halten. Dazu dienen die Paukenröhrchen. Wie auf dem Bild zu sehen, sind sie winzig klein, erfüllen aber ihren Zweck sehr gut. Sie stellen keinen großen aber sehr effektiven Eingriff in das System dar. 

Sie sehen, das ganze System ist sehr kompliziert. Und bei jedem Blick in das Ohr Ihres Kindes laufen beim Arzt diese Vorgänge in Gedanken ab, um die richtige Entscheidung zu treffen. Ein kurzer Blick, der viel Erfahrung verlangt. 

Bis zum nächsten Blog
Ihr Dr. Berlin