Ich sehe was ...

 ... was Du nicht siehst. 

Was können wir bei der Inspektion von Mund, Ohren und zuweilen Nase sehen, und was können wir definitiv nicht sehen ?

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Es gibt Eltern, die schauen ihren kranken Kindern schon mal in den Hals. Eine kleine Taschenlampe wäre hier hilfreich. Aber was sieht man da eigentlich? Noch schwieriger wird es mit den Ohren. Dazu braucht man ein Spezialinstrument, das Otoskop. Aber selbst dazu bedarf es einer großen Routine und viel Übung, um eine richtige Einschätzung vornehmen zu können. In die Nase wird insgesamt eher wenig geschaut. Auch wir Kinderärzte praktizieren das nur im Bedarfsfall.

Beginnen wir mit dem Hals, genauer gesagt mit der Mundhöhle und dem Rachen. Licht ist unerläßlich. In der Regel benutzen wir das Otoskop als Lichtquelle. Zunächst verschafft man sich einen Überblick über den Mund und die  Mundhöhle. Wie sehen die Lippen aus; ist das Zahnfleisch gut durchblutet; gibt es Aphten auf dem Zahnfleisch; hat der Säugling Pilz(Soor)-beläge im Mund, wie sieht die Zunge aus oder hat das Kleinkind eine ausgeprägte Karies. Das erfassen wir beim Blick in den Mund so ganz nebenbei. Etwas spezieller muß man bei einem äußerlich geschwollenem Hals (Mumpsgesicht) schauen. Hier muß man die Ausführungsgänge der Ohrspeicheldrüsen im Mund suchen und inspizieren. 

In der Hauptsache geht es jedoch um die Inspektion des Rachens. Hierbei braucht man den ungeliebten Spatel eigentlich nicht. Bringen Sie Ihren Kindern bei, den Mund aufzumachen, die Zunge nach unten zu halten und zu atmen bzw. zu hecheln. Die Zunge muß nicht heraus gestreckt werden.  Im Grunde erzeugt man eine ideale Situation, wenn man so tut, als habe man etwas zu Heißes in den Mund genommen und möchte es weder herunterschlucken noch ausspucken. Gelingt das nicht, muß der Arzt den Zungengrund mit dem Spatel herunterdrücken, um den Rachen sehen zu können. Hier sieht man nun den Rachenring, die beiden Gaumenmandeln und das Zäpfchen. Bei Kindern, die sich sehr gut untersuchen lassen, sieht man manchmal den Eingang des Kehlkopfes bzw. die beiden Stimmbänder. Das ist aber eher die Ausnahme. Was man nicht sehen kann, ist die dritte Mandel des Menschen, gern auch Polypen genannt. Die versteckt sich hinter dem Zäpfchen oben, zwischen Rachen und Nase. Die Bemerkung mancher Kollegen beim Blick in den Hals, das Kind habe große Polypen, ist mit großer Skepsis zu bewerten.

In der Regel sehen wir einen roten oder weniger roten Hals und können Entzündungen der Gaumenmandel beurteilen. Hierbei kann es sich um bakterielle Erkrankungen handeln, bei denen man meist eitrige Beläge sieht: die berühmten weißen Stippchen. Häufig gibt es aber auch virale Erkrankungen. Dabei sind die Mandeln gerötet, oder weisen Aphten und Bläschen auf. Hiervon hängt dann in hohem Maße die Therapie ab, nämlich die Frage: Antibiotikum ja oder nein.

Eine Besonderheit stellen die berüchtigten Streptokokken dar, genauer die ß-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A. Sie lösen die Streptokokken- oder Scharlachangina bzw. das Vollbild einer Scharlacherkrankung aus. Im Rachen sieht man eine besonders auffällige Rötung. Es sieht blutunterlaufen aus und entspricht einem Enanthem. Ein Enanthem ist ein Ausschlag auf der Mundschleimhaut. Die Mandeln können eitrig sein. Die Zunge zeigt sich häufig als Himbeerzunge. Kommt ein Exanthem dazu, also ein Ausschlag auf der Haut, so sprechen wir von Scharlach. Ein Abstrich als Schnelltest im Rachen kann die Diagnose sichern. Ein Hinweis für Erwachsene: Hausärzte machen diese Schnelltests bei Erwachsenen nicht, weil sie die Leistung von der Krankenkasse nicht erstatten bekommen.

Zu erwähnen sind noch Verletzungen im Rachen. Klassisch ist der Sturz auf das Gesicht oder eine Rangelei in Kindergarten oder Schule mit einem Gegenstand wie beispielsweise einem Stift oder einem Lineal im Mund. Das kann zu schweren Verletzungen im hinteren Bereich der Mundhöhle führen. Hier gilt es zu entscheiden, ob genäht werden muß oder nicht.

Im nächsten Blog wenden wir uns dem Ohr zu. Was kann man im Gehörgang sehen und wie wird das Trommelfell beurteilt, ist doch die Mittelohrentzündung eine häufige Erkrankung im Kleinkindalter.

Bis zum nächsten Blog.
Ihr Dr.med. Berlin